Vorschau 2020 / 21

Die Übüs in ´faustroll - ein ´pataphysisches Adventure

Faustroll frei nach Alfred Jarry

Lust am Irrwitz

Heldentaten und Ansichten des Doktor Faust Roll, Pataphysiker ist ein von der Lust am Irrwitz und Paradoxon geprägter neowissenschaftlicher Roman des französischen Schriftstellers und Bohemien Alfred Jarry (1873–1907), der zwischen 1898 und 1903 in verschiedenen literarischen Periodika fragmentarisch erschienen ist. Die erste Gesamtausgabe wurde erst 1911, vier Jahre nach dem frühen Tod des Autors, veröffentlicht.

Der Roman

Der Roman, der in der französischen Pléiade-Ausgabe gerade 96 Seiten umfasst, gliedert sich in acht Bücher mit fortlaufender Kapitelzählung. Die insgesamt 41 Textabschnitte sind dabei oftmals nicht länger als eine Seite, sind mehr Skizze oder Erzählminiatur. Das Werk schildert die abenteuerliche Reise des ’Pataphysikers Dr. Faustroll in seinem Boot As zu Wasser von Paris nach Paris in Begleitung des Gerichtsvollziehers Panmuffel, der an vielen Stellen als Erzähler oder Augenzeuge fungiert, und des Pavians Backenbuckel.

Inhalt

Den Auftakt des Romans bildet der abgedruckte Zahlungsbefehl gemäß Artikel 819 der Zivilprozessordnung inklusive amtlichem Stempel des Gerichtsvollziehers Panmuffel, der die Pfändung von Faustrolls Eigentum wegen Mietschulden festlegt.

Es folgt der Beginn der Reise Faustrolls mit der Verwandlung seines Bettes in ein Sieb, das zugleich Boot und damit Vehikel ist. Die imaginären Inselwelten, auf die der Reisetrupp Kapitel für Kapitel stößt, entstammen literarischen Fiktionen anderer Autoren, Künstler (z. B. Paul Gauguin) und Musiker, die zuweilen als Könige der Eilande in Erscheinung treten. Die Reise gleicht damit einer literarischen Irrfahrt durch präsurrealistische Kopf- und Traumwelten.

Das Vorbild des antiken, reisenden Irrfahrers Odysseus ist freilich omnipräsent. Am Ende wird das As durch Selbstdemontage untergehen. Faustroll selbst zerstört sein Schiff und damit sich selbst. Seine Insassen samt Quintessenzen und Ideenwelt dem Ertrinken preisgegeben (7. Buch, Kapitel 36).

Was folgt, sind telepathische Briefe Faustrolls aus seinem neuen Seinszustand, die mit dem Kapitel „Von der Oberfläche Gottes“ (Kapitel 41) und der Berechnung Gottes, dem klassischen philosophischen Gottesbeweis, der hier mathematisch geführt wird, enden.

Ein 1899 angefügter Anhang schließt mit „nutzbringenden Erläuterungen zum sachgemäßen Bau einer Maschine zur Erforschung der Zeit“.

Bei-, vor- und übergeordnet wird diesem Hauptteil (Kapitel 11−36) die Theorie der ‘Pataphysik im zweiten Buch (Kapitel 8−9). Nachgeordnet folgen der Reise Überlegungen und Berechnungen, die zum Teil auf Exzerpte mathematisch-wissenschaftlicher Traktate der Zeit zurückgehen, so Kapitel 37 „Vom Metermass, von der Uhr und von der Stimmgabel“ oder Kapitel 38 „Von der Sonne als kaltem Körper“. Die Reise im Mittelteil wird somit von fiktionalisierter Wissenschaft fest umklammert.

Gründungsdokument der ‘Pataphysik

Wissenschaft von den imaginären Lösungen

Ihren Anhängern gilt der Roman – hier weniger die Heldentaten als vielmehr die Ansichten Dr. Faustrolls – als Gründungsdokument der „’Pataphysik“, der Wissenschaft von den imaginären Lösungen. Trotz seiner grotesken und zum Teil surrealistischen Züge zeichnet sich der Text durch seine innere geschlossene Logik aus. Er ist einer imaginierten Logik unterworfen und damit gleichsam in Prosa verfasste ‘Pataphysik, Beleg für die Vereinbarkeit des Unvereinbaren. Im achten Kapitel des zweiten Buches findet sich sodann der Definitionssatz der ‘Pataphysik des Dr. Faustroll:

Epiphänomen

Ein Epiphänomen ist das, was zu einem Phänomen hinzu kommt. Die Pataphysik, deren wirkliche Orthographie ’Pataphysik, mit vorausgehendem Apostroph, lauten muss, um ein billiges Wortspiel zu vermeiden, ist die Wissenschaft von dem, was zur Metaphysik hinzu kommt, sei es innerhalb derselben, sei es außerhalb derselben, und die sich genau so weit über diese erhebt, wie jene über die Physik.

Da das Epiphänomen oft akzidentiell ist, soll die ‘Pataphysik vor allem die Wissenschaft vom Speziellen sein, wenn man auch behauptet, es könne nur eine Wissenschaft des Allgemeinen geben. Sie soll die Gesetze untersuchen, durch die die Ausnahmen bestimmt werden und soll das über das unsere hinaus bestehende Universum erklären.

Oder bescheidener, sie soll ein Universum beschreiben, das man sehen kann und das man vielleicht statt des Überkommenen sehen sollte, weil die Gesetze des überkommenen Universums, die man entdeckt zu haben glaubt, Wechselbeziehungen zwischen Ausnahmen, wenn auch ziemlich häufigen, darstellen, auf jeden Fall aber zwischen akzidentiellen Fakten, die nicht einmal den Reiz der Einmaligkeit besitzen, weil sie sich auf wenig außergewöhnliche Ausnahmen beschränken.

Kurz

Kurz: Die ‘Pataphysik ist die Wissenschaft imaginärer Lösungen, die den Grundmustern die Eigenschaften der Objekte, wie sie durch ihre Wirkung beschrieben werden, symbolisch zuordnet.

Weiter heißt es

Die gegenwärtige Wissenschaft stützt sich auf das Prinzip der Induktion: die meisten Menschen haben ein Phänomen oft genug einem anderen vorausgehen oder nachfolgen sehen, und schon schließen sie daraus, dass es immer so sein muss.

Nun trifft dies aber nur meistens zu, hängt vom Standpunkt ab und unterliegt dem Gesetz der Bequemlichkeit.

Und dennoch! Sollte man nicht statt das Gesetz des freien Falls der Körper auf einen Mittelpunkt hin zu formulieren, vielmehr die These vom Aufsteigen der Leere zu einer Peripherie hin vorziehen, indem man die Leere als Einheit der Nicht-Dichte betrachtet, eine Hypothese, die viel weniger willkürlich ist als die Festlegung auf die konkrete, positive Dichte-Einheit Wasser?[…]

Warum behauptet jeder, die Form einer Uhr sei rund, was offensichtlich falsch ist, weil sie im Profil ein rechteckiges, schmales, zu drei Vierteln elliptisches Bild bietet, und warum, zum Teufel, nimmt man ihre Form erst in dem Augenblick wahr, in dem man die Tageszeit abliest?